Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2009 28.02.

Titus Waldenfels

Von Bob Dylan über den Regenbogen direkt nach Duke Ellington - und zurück über Mano Negra, Bob Wills and the Texas Playboys, Element Of Crime, Willie Nelson, Bert Brecht/Kurt Weill und zig andere Stationen führte die musikalische Reise, auf die das O’wei’-Publikum am vergangenen Samstag von Titus Waldenfels und Michael Reiserer mitgenommen wurde – in der Ersten Klasse, versteht sich! 
Wie passt der Michael-Holm-Schlager „Tränen lügen nicht“ zu einem Cajun-Traditional oder „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ von den Comedian Harmonists zu J. J. Cales „They Call Me The Breeze“? Die Antwort ist ebenso einfach wie skurril: genauso abenteuerlich wie die Songauswahl muss das Instrumentarium der beiden Ausnahmevirtuosen sein. Und so steht auf der Bühne ein Schlagzeug, ein Akkordeon, eine Singende Säge, ein 4-Saiten-Banjo, eine Bassmundharmonika, eine Strohgeige, eine akustische Gitarre, eine Hawaii-Gitarre (lap steel guitar), eine Ukulele, ein Basskeyboard. Das könnte man alles noch einordnen, aber wenn dann Michael Reiserer zu seinem entspannten oft lyrischen Gesang (wunderbar, wie er Rio Reiser interpretiert!) Akkordeon und zugleich beachtlich gut Einhand-Schlagzeug spielt und sein Partner Titus Waldenfels mit dem Fuß die Keyboardtasten bedient, gleichzeitig mit der Bassmundharmonika die Harmonien setzt und dazu ausgeklügelte, dennoch gefühlvolle Soli auf der Geige, der Gitarre, dem Banjo oder der Ukulele von sich gibt, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dann bleibt einem angesichts der Einmaligkeit solchen Tuns als Zuschauer/Zuhörer einfach die Spucke weg. 
Und dann ist da noch ein drittes Element, das die abendfüllende Zaubernummer zusammenhält: der unvergleichliche Sound – Banjo und Strohgeige (Trichtergeige, auch als Phonofiedel bezeichnet) sind beliebte Instrumente bei der isländischen Band „múm“, bei Tom Waits oder auch in der US-amerikanischen Stringband „R. Crumb and his Cheap Suit Serenaders“. Dort vermitteln sie oft mit brüchiger, düsterer Intensität außerordentliche, experimentelle (Pop)Musik. Auf ähnliche Weise sind auch Waldenfels / Reiserer einzigartig und unverwechselbar. Für die Kneipenbühne ein Highlight in der laufenden Saison!