Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2019 28.01.

Rocky und Rolli

Dass sich nach der Jahreshauptversammlung zu später Stunde im Rahmen einer „Freien Bühne“ Überraschungsgäste einfinden, ist ja nun schon zu einer kleinen Tradition geworden.
Nach legendären Auftritten (Salman Závodský /Avril Fürst, Tamara Amarat und „Van Van Van“) hatte sich für den 27.1. kurz vor Mitternacht ein Duo mit dem seltsamen Namen „Rocky & Rolli“ angekündigt.

Hanne fand das bereits im Vorfeld geschmacklos und erwartete bangen Herzens zwei ziemlich beste Freunde, einen im Boxergewand mit der Abbildung eines schnaubendem Hengstes auf dem Morgenmantelrücken und den Schriftzeichen „Rocky Balboa, The Italian Stallion“ – und einen rollstuhlfahrenden Saxophonisten im Geiste Klaus Kreuzenederers. Für den „Rolli“ hatten wir extra die Einfahrt entmatscht und somit einen barrierefreien Zugang geschaffen. Da um halb eins in der Früh noch niemand aufgetaucht war, hereingeschneit kam, aufgetaut war, hereingeregnet kam, beschloss Hanne, zu Bett zu gehen. Ich war noch mit Aufräumen beschäftigt, als dann – kurz vor eins – zwei furchterregende metallschrankförmige Harley-Davidson-bejackte Typen mit ZZ-Top-Bärten, verwegenen Hammer-und-Sichel-Tattoos auf den Glatzenrückseiten und diversen Piercings in Nase und Lippen (und wo sonst noch? … sie zeigten nicht alles) ins klassenfreie Zimmer rumpelten und humpelten. Trugen sie Beinprothesen aufgrund von Motorradunfällen?
Das wortkarge Rocker-Rollkommando packte seine akustischen sieben-ender-Dreadnought-Gitarren aus und begann als „Rocky & Rolli“ die unsinnigsten deutschen Songs der vergangenen gut 60 Jahre in die Kneipennacht zu ballern. Das war durchaus kurzweilig, denn neben „My Baby Baby Balla Balla“ (Rainbows), „Marmorstein und Eisen bricht“ (Drafi Deutscher), „Ich sprenge alle Ketten und sage Nein, nein, nein, nein, nein!“ (Ricky Shayne) waren auch seltenere Juwelen des Irrsinns zu hören, etwa „Dance The Slop With Me“ (Mike Roger). Darin heißt es: „Wall du dembramendvoll bist, weiß ich, dass du herrlich kissd, mach mich gligglich augenbligglich, danz den slob mit mir! Come on baby make me häbbiii, komm und danz den slob mit mia […], denn der slob slob slob slob slob – slob is etz modern.“ Ah! Kaum auszuhalten.

Den Gipfel des Ganzen bildeten dann aber zwei Stücke, die doch tatsächlich schon in der Kneipenbühne zu hören waren – vor vielen, vielen Jahren. Nummer eins, ein beinharter Protestsong, ging so: „Ich hab Uran im Urin, da hilft kein Aspirin, ich muss zur Kur in die Natur, in den Harz meint der Arzt.“  (Dittmar/ Kucharczyk). Von Nummer zwei,  einem Lied des Duos „Annaleo und Chrisotto“, will ich dem werten Leser den kompletten Text nicht vorenthalten. Nur schade, dass ich die erbarmungswürdige Musik nicht übermitteln kann: „Lalala lalala lalala la, lalala lalala lalala la. Ich singe, weil ich traurig bin und habe keine Lieder. Was ich hier tu, macht keinen Sinn, doch ich sing immer wieder. Lalala lalala lalala la, lalala lalala lalala la.“ Die Strophe wurde – falls ich richtig mitzählte – zweiundzwanzig Mal (!) wiederholt. Was für eine Provokation!

Aufgrund des martialischen Aussehens von „Rocky und Rolli“ traute ich mich nicht, dem Treiben Einhalt zu gebieten – denn schließlich stand ich mutterseelenallein hinterm Tresen – und musste sage und schreibe bis vier Uhr morgens dort ausharren. Nachdem ich den beiden ihre wohlverdiente Gage ausbezahlt hatte, tranken sie noch einmal – je drei hatten sie schon! –  drei Bumbermaßen. Jeder! Ich hatte mir Stunden zuvor das längst vergessene Rezept aufsagen lassen müssen: Man mischt in einen Literkrug einen halben Liter dunkles Bier mit einem halben Liter Cola. In die Maß werden dann noch je 4 cl Kirschlikör und 6 cl Asbach Uralt geschüttelt und gerührt – äh – geschüttet und gekippt … oder in meinem Fall: getröpfelt und gezittert.

Bevor sie knatternd und hupend mit ihren 50 ccm Vespa-Rollern (rosa-weiß) in einen ungewissen Morgen hineindonnerten, schmetterten „Rocky und Rolli“ zum Abschied ein fröhliches „Riariariaho, Riariariaho, Riariariaho, Riariariaho, Riariariaho, Riariariaho, Riariariaho, Hollariaho ho hotschi minn“. Letzteres  – ich meine das „Hồ Hồ Hồ Chí Minh“ – war zwar versöhnlich, unterm Strich muss ich solch eine Nacht aber eher nicht öfter haben. Gut singen und spielen konnten die beiden übrigens gar nicht einmal so schlecht. Ich hatte leider schon am Samstag meine Kamera aufgeräumt und getraute mich nicht, sie zu holen; gerne hätte ich nämlich das „Event“ dokumentiert, „Rocky und Rolli“ jedoch waren mir in ihrer Abgefülltheit einfach zu randalegefährlich.