Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2019 02.02.

Dad Horse Experience

Der Typ hat es faustdick hinter den Ohren – das sieht man ganz deutlich! The Dad Horse Experience gastierte am Samstag in O’wei mit seinem – wie er es nennt – Kellergospel, und lieferte ein höchst amüsantes zwei-Stunden-Konzert ab, das vor allem durch unglaubliche Schrägheit begeistern konnte: Dirk Otten – so heißt er mit bürgerlichem Namen – singt manchmal wie eine besoffene Nachtigall, manchmal wie ein selbstmordgefährdeter Totengräber, manchmal wie ein schwerhörig gewordener Heavy-Metal-Banjospieler. Sein Stimmregister erstreckt sich dabei mindestens über drei Oktaven. Er intoniert frech, oft bewusst falsch, spielt seine Instrumente (Banjos, Mandoline, Kazoo, Fußbass) auf höchst simple Weise und kokettiert damit. Dann aber – zum Beispiel bei „Eating Meatballs On A Blood-Stained Mattress In A Huggy Bear Motel (zu deutsch: Buletten essen auf einer blutbefleckten Matratze in einem Kuschelbär-Motel) zeigt die Einmannband polyphone Virtuosität, die einem den Mund offenstehen lassen kann.

Aber darum geht es ja gar nicht. Seine „Message“ nämlich, die Erlösung der gequälten Menschenseele, ist jenseits dessen, was man hierzulande kennt. Sie scheint eine Mischung aus Dada und Lyrik der amerikanischen Beat Generation zu sein. Das zeigt sich vor allem, wenn Dad Horse seine deutschen Texte liest, von denen er glaubt, sie auf Englisch singen zu müssen. Aber nein, das muss er nicht! „Ich bin ein kleiner weißer Fisch und keine Augen hab ich auch. Ich lebe in einem lichtlosen See unter dem namenlosen Berg. Vor dem Zoo habe ich eine Dame getroffen. Die nahm all mein Geld – und keine Augen hab ich auch. Ich lebe in einem lichtlosen See unter dem namenlosen Berg.“ Das ist gelinde gesagt großartig und erinnert einerseits an Kurt Schwitters, Hugo Ball, Hans Arp und Tristan Tsara, andererseits an Laurence Ferlinghetti, Allen Ginsberg, Jack Kerouac und W. S. Burroughs. Ob sich Dad Horse darüber bewusst ist, sei dahingestellt. Ist egal. So etwas jedenfalls gibt es in der Kneipenbühne viel zu selten, ich hätte ungebremste Lust darauf – aber endemische Sumpfblüten zu finden, ist halt sehr, sehr schwer. Und wer will so etwas hören? Ebenfalls egal! Zur Not besteht das Publikum halt nur aus einem Zuhörer. Aber nein, diesmal hatten auch dreißig andere ihren Spaß – und das macht Hoffnung in einer Zeit, in der Mistmusik „vom Feinsten“ einen derart großen Erfolg hat.

Foto und Filme von Golly