Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2015 11.04.

David Sinclair & Keith Bennett

Die Kneipenbühne erlebte in den letzten 34 Jahren ihres Bestehens viele Highlights, aber – ohne die Leistung so mancher der rund 1.000 anderen Interpreten schmälern zu wollen – was die beiden Kanadier David Sinclair und Keith Bennett am Samstag im O’wei’ ablieferten, spottet eigentlich jeder Beschreibung, zumal in den lokalen Medien mit Begriffen wie „Ausnahmegitarrist“ und „Weltklassemundharmonikaspieler“ allzu sorglos umgegangen wird. Was, wenn wirklich einmal entsprechende Künstler im Landkreis zu erleben sind? Prompt waren die da und zeigten im vollen Klassenzimmer, was Blues ist, was Jazz bedeutet, wie man auf der Mundharmonika Beethovens Fünfte interpretiert, was es heißt, zweistimmig so zu singen, dass dem Zuhörer eine wohlige Gänsehaut aufsteht, wie man einen Brückenschlag zwischen Django Reinhardt und Spike Lee hinbekommt, wie man ausgefuchste Jimi-Hendrix-Melodien in hoher Geschwindigkeit unisono auf Gitarre und Harp spielen kann, ohne auch nur den geringsten Eindruck von Bemühtheit zu erwecken, wie man von Brahms’ ungarischen Tanz Nummer fünf über alle möglichen Stile bis zu Eleanor Rigby von den Beatles gelangt und auf diese Weise das verrückteste Medley präsentiert, das man sich vorstellen kann (übrigens ohne Anzeichen von Unsicherheit), wie man ein Thema aus Peer Gynt genauso überzeugend interpretiert wie eine Stevie-Wonder-Nummer, bei der dem Publikum auf ganz natürliche Weise die Methoden des rhythmischen Klatschens nahegebracht werden. „The Hungry Cat“ – so nennen sich die beiden bescheidenen, sympathischen Profis – groovten, federten, ließen in ihrem Zwei-Stunden-Konzertmarathon zu keinem Moment einen Gedanken daran aufkommen, dass man als Zuhörer jetzt schon alles kenne, was die beiden so im Reisekoffer mit sich führen; nein, im Gegenteil: Jede einzelne Nummer schien einen neuen Weg zu gehen und wartete mit unerhört frischen Ideen auf. 
Sinclair spielt eine virtuose Gitarre, die selbst bei Hochgeschwindigkeitssoli niemals Bodenhaftung verliert, Keith Bennett bedient seine vielen verschiedenen diatonischen und chromatischen Harps – nicht nur die vergleichsweise läppischen Blues- oder Richterharmonikas – unbeschreiblich melodisch und gefühlvoll. Was kann man da als Resümee feststellen: Ausnahmegitarrist? Weltklassemundharmonikaspieler? Im Verhältnis zu so manchen Konzertankündigungen viel zu tief gegriffen. Aber was haben wir jetzt noch für Begriffe dafür?