Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2022 24.12.

Michael Steiger und ein doppelter Doppelgänger

Eilig habend an Heiligabend? Nicht unser Ding!
Hanne und ich waren gerade damit beschäftigt, die Fotokopie des ersten Nürnberger Telefonbuchs auszupacken, das wir uns gegenseitig als Geschenk auf unsere grausam zurechtgestutzte festlich ungeschmückte Yuccapalme gelegt hatten. Die Schrift stammt aus dem Jahr 1901 und trägt den Titel „Verzeichniss der bei der Fernsprecheinrichtung Betheiligten“, das waren für Nürnberg, Nürnberg Land und Fürth (!) ganze 57 Personen. Man kann das Dokument also getrost als Zettel bezeichnen – Buch ist da bei weitem übertrieben. Da klopfte es …

Der ambitionierte Jungfilmer Michael Steiger aus dem idyllischen fränkischen Bierkaff Spalt (siehe Bierdeckel-Foto) erschien an Heiligabend völlig überraschend an der Stalltür der Kneipenbühne – Hintereingang, neben der Pforte zum ehemaligen Öl-Vorraum (Rauchen und offenes Feuer verboten); an seiner Seite – nein, nicht Knecht Ruprecht –, sondern ein gewisser Moritz Horrfitz, der sich voller Stolz als „doppelter Doppelgänger“ aus den benachbarten Ortschaften Lippertshofen und Lampertshofen (beide in der Nähe von Neumarkt OPf.) outete. Steiger und Horrfitz hatten offensichtlich einen Scherz vorbereitet, denn – verkleidet als Nilpferde – sangen sie unisono ein wohl lange eingeübtes „selbstgemachtes“ Lied. Dessen Text lautete: „Wir sind die vier Heili‘ng Drei Könige und woll‘n die Geschenke abhönige (??) und als die vier Heili‘ng Drei Nilpferdfohlen müssen wir alle Geschenke abholen.“ 
Hanne und ich fanden das nicht gerade lustig und – nach der gefühlt dreiundzwanzigsten Strophe, einer Wiederholung mit allen Wörtern, die sich auf „holen“ reimen (Dohlen, Sohlen, Kohlen, Polen, Stollen, Knollen, Rollen und so weiter) unterbrach Hanne gottseidank – nein: glücklicherweise– die Darbietung mit den Worten:
„Jungs, ihr seid fast zwei Wochen zu früh: der sechste Januar hätte gepasst!“ 
Leicht verwirrt verstummten endlich die beiden Möchtegern-Nilpferde, Horrfitz maulte aber in etwas undeutlicher Aussprache her, dass ja seit dem elften November auch die närrische Zeit herrsche und Verkleidungen als König und Nilpferd durchaus erlaubt, wenn nicht sogar erwünscht seien.

Seine Wenigkeit, der Michael – „meine Freunde nennen mich Mich“ („mich Mich“, hatten wir das nicht schon bei Marianne Sägebretts  cooler Kulleraugenorgie?) – erzählte uns voller Stolz, dass er dabei sei, ein autobiografisches Buch zu schreiben. Arbeitstitel „Ich, Steiger Mich“. 
„Schöner Name“ bemerkte ich, aber er solle nicht das Komma vergessen und ja nicht alles klein schreiben wie weiland h. c. artmann.
„Was für ein Komma? Und wieso?“ 
Mich sah aus wie ein doppeltes Fragezeichen. 
„Na ja, lieber Mich, denk halt drüber nach“ dachte ich. Sein offenbar bekiffter Kompagnon Horrfitz, der dösig vor sich hin gestiert hatte, sagte – kaum hatte ich den Satz in meinem Kopf beendet:
„Genau das habe ich auch gerade gedacht!“ 

Dann erzählte Steiger von seinem neuesten Projekt, der Verfilmung des Lucky-Luke-Bandes Nummer 26 – „Familienkrieg in Painful Gulch“ –, in dem sich die Nachbarn O’Timmins und O’Hara bekämpfen, warum auch immer. 
„Ich hoffe, ich, der Steiger Mich, steiger mich da nicht in was rein, aber ich muss das einfach versuchen!“ 
Der Spalter (und ausnahmsweise nicht einer, der die Gesellschaft spaltet!) sprudelte den Plot heraus: 
„Der eine Kontrahent ist mit einer übergroßen Nase gesegnet, der andere mit übermäßig großen Ohren, was jeweils auch für die gesamte Sippe gilt. Die beiden Familien bekriegen sich bis aufs Messer, aber zum Schluss wird alles gut: dank des guten alten Nudelholz' von Muttern.“ 
Als Hauptdarsteller habe er versucht, Gottfried John und Dominique Horwitz zu engagieren; er habe leider nicht gewusst, dass John schon 2014 verstarb. Statt Gottfried John sei dem Steiger Mich nach dem ersten Schock Moritz Bleibtreu und dessen bemerkenswerte Lippen in den Sinn gekommen:
„Es ist doch egal, ob da eine große Nase oder dicke Lippen im Spiel sind.“ (sagte sich der mit einem überSteigerMichten Selbstbewusstsein Bestrafte.) Auf Anfrage habe Bleibtreu leider genau wie Horwitz reagiert. Beide Schauspieler meinten, ohne sich abgesprochen zu haben: 
„Bei so einem Quatsch mache ich nicht mit.“

Dann war dem „Auf-Steiger in spe“ glücklicherweise (?) Moritz Horrwitz über den Weg gelaufen, der über recht ausgeprägte Lippen und sehr abstehende Ohren verfügt und nach Meinung des "Ressischörs" (Zitat Thomas Gottschalk) in dem Projekt geradezu für eine Doppelrolle prädestiniert ist. Und weil er sich nicht mit Haar-Spaltereien habe aufhalten wollen, habe er den Moritz gefragt …
"Haarspaltereien: In Spalt, im [sic] Spalt/ Dou wern die Leit gor alt…" dachte ich.
„Moritz?!“
„Genau das habe ich auch gerade gedacht!“ 
Nun ja …

„Moritz Horwitz‘ Vater stammt aus Lampertshofen – und wie man weiß, hat der Hase extrem lange Ohren und heißt in Fabeln und Märchen ‚Meister Lampe‘. Lampertshofen: ‚Meister Lampe‘: Verstehst?  Und Horrfitz‘ Mutter stammt aus Lippertshofen. Muss ich mehr sagen? Und damit sind auch gleich die Drehorte festgelegt.“ 
Der Mich bekam rote Backen: Ob das nicht ein (Weihnachts)wunder sei: Lampertshofen, Lippertshofen und ein Moritz Horrfitz (das eindrucksvolle und erfolgreiche Ergebnis einer jahrhundertelang gepflegten Inzucht), der natürlich gleichzeitig Bleibtreu und Horwitz ersetzen könne und müsse.
„Gut, dass der Moritz Horrfitz nicht Dominik Bleitraub oder so ähnlich heißt!“ dachte ich.
… und Moritz sagte: „Genau das habe ich auch gerade gedacht!“  
Der Steiger-Mich geriet aus dem Häuschen: „Der Film muss, muss, muss! Comic-Verfilmung, Laiendarsteller, Heimatfilm: Ab auf die Hofer Filmtage!“ 
Mal sehen …

Hanne und ich lasen uns gegen Mitternacht – nachdem wir die Nilpferde verabschiedet hatten – bei einem gepflegten italienischen Rotwein unser Weihnachtsgeschenk vor. Hanne die Telefonbesitzer von Ahlborn bis Müller, ich den Rest: von Nadler bis Zawodski; Mit den Anfangsbuchstaben X, Y (ungelöst) gab es damals noch keine registrierten Fernsprech-Benutzer, ich hatte wegen S, Sch und St allerdings fast genau so viel Lesestoff zu bewältigen wie Hanne.  Das "Telefonbuch" machte großen Spaß. Echt. Zum Kugeln. Das war viel besser als der Quellekatalog, den wir uns früher immer gegenseitig geschenkt hatten. 

… Und schon ist wieder eine „Kritik“ verfasst. Frohe Weihnachten! Oder sollen wir mit einem Zitat des wunderbaren Robert Gernhardt enden: „Frohe Arschnachten, ihr Weinlöcher!“ Sollen wir? Nein? Das wäre geschmacklos? Stimmt! Auch recht.

"Fotos": Bierdeggälä gibt's in Spalt, Nilpferde: ai and me