Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2021 20.06.

Linksgrantl

Es grenzt schon fast an ein Wunder oder vielleicht besser: es ist wie verhext! Immer nach der Jahreshauptversammlung, wenn schon alle Mitglieder – außer Golly und mir (Hanne), die wir bis weit nach Mitternacht mit Aufräumen beschäftigt sind – den Ort des Geschehens verlassen haben, um einen geruhsamen Fernsehabend genießen können, taucht wie aus dem Nichts ein Klein- bis Kleinst-Künstler auf, der sich nicht davon abbringen lässt, seine Elaborate zum Besten zu geben.

Diesmal war es ein in die Jahre gekommener Klampfer, der sich „Linksgrantl“ nennt. Seine politische Gesinnung lässt sich nicht nur an seinem Namen, sondern auch an den Aufklebern erkennen, die seine Endsechziger-60-D-Mark-Wandergitarre zieren: „Enteignet Springer“, „Stoppt Strauß“, „Rock gegen rechts“ und so weiter: lauter zwar schon sehr verblichene, aber dennoch ehrenwerte Statements. Warum dazwischen jedoch all die „Holt-euch-die-fröhlichen-Blumen-holt-euch-das-fröhliche-Pril“-Plepperl pappen, erscheint heutzutage leicht verstörend. Nun ja, vielleicht versteht sich der „Linksgrantl“ als Hippie der späten Geburt: 1968 war er leider erst 13, also bedauernswerterweise außen vor, aber sowas von … Jedenfalls erzählte der verbitterte Möchtegern-Gitarrenstar einen Schwank nach dem anderen, ohne auch nur einen Akkord auf seinem abgewetzten Prügel zu intonieren. Wenigstens zupfte er nach jedem Satz die tiefe, leicht verstimmte E-Saite. Hier ein kleiner Ausschnitt:
     „Es muss so um 1970 gewesen sein (pling): Ich pilgerte nach Würzburg, um neben der Band ‚Snape‘ ‚Joe Cocker Mad Dogs & Englishmen‘ zu erleben (pling). Natürlich hatte ich die Lady dabei – so nenne ich meine geliebte Gitarre, die ich jedes Mal nach einem Auftritt auf ihren sinnlichen Resonanzkörper küsse, bevor ich sie im Plastik-Gitarrensack zum Schlafen lege (pling). Ich erhoffte mir nämlich eine Session mit Alexis Korner in dessen Hotelzimmer nach dem Festival (pling) … Ihr kennt Korner nicht? (pling) Der Bluesmusiker hat schließlich die Rolling Stones zusammengebracht (pling). Am Würzburger Bahnhof rief mir ein Nichtsesshafter nach: ‚Eine Gitarre und tausend Illusionen!‘ (pling) So ein gemeiner, frustrierter Kerl (pling). Leider wurde aus der Session nichts. (pling) Irgendein Depp hatte Korners Schlangenhautleder-Jacke geklaut und deshalb empfand der Vater des weißen Blues überhaupt keine Lust auf gar nichts (pling). Wenn das anders gelaufen wäre, hätte man mich entdeckt und ich wäre heute ein gefeierter Star (pling) … wie der unsägliche Peter Maffay, der das genauso wenig verdient wie der Wönn-ist-denn-Mönn-ein-Mönn-Grölemeier …“  (pling)

Und so weiter und so fort. Wir hätten das nicht ausgehalten, wenn der „Linksgrantl“ nicht seine (vor allem den Golly) bezaubernde Freundin, die „Bachblüten-Liesl“, dabeigehabt hätte, die uns eine Auswahl ihrer alternativen Honig- und Marmeladenprodukte zum Probieren anbot, wahrscheinlich, um "Linksgrantls" Peinlichkeiten zu kaschieren, die wir – gefesselt an unsere Höflichkeit – ertragen mussten.  "Bachblüten-Liesls" Verhalten ist ohne Zweifel ein Musterbeispiel dafür, wie man es anstellt, sich fremdzuschämen. Ich leide jetzt zwar an einem Zuckerflash mit schlimmem Reflux, aber das wird sich mit diversen Mineralwasserspülungen während der kommenden Woche schon bessern. Hoffentlich.

Zum Schluss gab's dann doch noch eine musikalische Kostprobe. "Linksgrantl" spielte für einen abgehalfterten Liedermacher zwar nicht schlecht, aber er zupfte – besser: schruppte – einen Gitarrenhobel, der gelinde gesagt mit einem Sound gesegnet ist … unter aller Sau! Vielleicht sollte er sich ein Stimmgerät leisten. Es gibt heutzutage schon erschwingliche, die recht gut sind.
     Der Text der ersten und einzigen Strophe: „Ich schufte ohne Pause jeden Tag von früh bis spät. Und wenn ich Ruhe brauche, wird mir d'raus ein Strick gedreht. Ho, ho, ho, tschi, tschi, tschi, minn, minn, minn, cha, cha, cha.“ 
     Wir ließen ihm eine stattliche Gnadengage zukommen – schließlich können wir uns das leisten – und schickten ihn mit der Bitte um eine lebenslange Pause nach Hause.
     (Der Golly, der Mistkerl, drückte beim Abschiednehmen die "Bachblüten-Liesl" verbotenerweise übermäßig lange; und, soweit ich das im Dunkel des alten Lindenbaums erkennen konnte, küssten die zwei sich anschließend hemmungslos. Zungenküsse? Was sonst! Denkt der verliebte Gockel nicht an Corona? Menschenskind. Die beiden hätte ich wirklich gern gefilmt. Aber der Schlamper hatte die Kamera nach dem Kleiberkonzert nicht geladen. Und wer weiß, wo die Speicherkarte steckt … Jetzt liegt er weinverzückt in der Ecke und ich durfte den ganzen doofen Artikel schreiben! Eure Hanne)