Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2026 19.05.

Die Märchenprinzen

Zur Unzeit morgens um halb vier – klopft‘ es an der Eingangstür. Wieder einmal … Leider wurde die Einlassbitte gehört und noch viel leiderer wurde ihr entsprochen. Vorm Kneipenbühnentor stand ein wüst aussehender Rocker. Auf der Rückseite seiner schwarzen Lederjacke befand sich ein Libellen-Logo. Drunter stand: ›Dragon Fly – Section South-Nord-West-Ihst-oder-so, Member 74316‹.
Er behauptete, er sei ein als Mensch verkleideter Vulkandrache, und einer, der spontan Gedichte verfasse; aber deshalb sei er nicht hier; er wolle vielmehr nicht ein Bier, sondern nein, ein wahres Märchen erzählen, da kannst du als Wirt nicht wählen.
»Wahre Märchen gibt es nicht«, warf ich ein, »sonst sind es keine Märchen.«
Er werde spontan eines erfinden und erzählen. Und diese Behauptung entspreche der Realität! 

Ich bat den bemerkenswerten Zeitgenossen herein, nicht, ohne ihn wissen zu lassen, dass wir uns unmittelbar vor Beginn der Sommerpause befinden, und die Programmgestaltung schon bis zum Mai 2027 beendet ist. »Das macht kaum etwas«, schnaubte er, »ist nur zum Spaß. Ich leg jetzt los, das wird famos!«
Ich stöhnte leise, schenkte ihm jedoch – gutmütig wie ich bin – den von ihm gewünschten Schoppen Silvaner und ein Glas Leitungswasser ein. 

Unverzüglich legte er los.:
»Einst trafen sich zwei Märchenprinzen zufällig im Stadtcafé einer Kleinstadt, tranken Cappuccino und aßen dazu ein Stück Quarkstollen. Die meisten der vorwiegend älteren anwesenden Kaffeetanten waren entzückt vom Anblick der überirdisch schönen Jünglinge, aber das tut ja gar nichts zur Sache.«
»Hoffentlich!«, warf ich etwas genervt ein.
Der Drachenrocker räusperte sich und begann mit drei gänzlich verschiedenen Stimmen zu sprechen (Prinz eins, Prinz zwei und Erzähler) – er tat das erstaunlich gut:

»›Aus welchem Märchen kommst denn du?‹, fragte der eine Prinz den anderen.
›Aus dem Märchen vom Möhrchen!‹
›Das ist aber nicht von den Gebrüdern Grimm?!‹
›Nein, es erzählt sich gerade selbst.‹
›Dann lass hören!‹
›Im Riesengebirge lebte einst ein Berggeist namens Rübezahl.‹
›Den kannte ich … sogar persönlich!‹
›Angeber … So warte doch, hier kommt ein Aspekt, von dem noch keiner weiß.‹
›Okay.‹
›Rübezahl verliebt sich in die Königstochter Emma …‹
›… ist bekannt!‹
›… und nachdem er eine heikle Aufgabe gelöst hat, darf er sie heiraten; sie bringt eine Tochter zur Welt. Die ist so unscheinbar und klein, dass sie nicht – wie Rübezahl es gewollt hätte – Rüpelzähnin genannt, sondern allgemein als Möhrchen bezeichnet wird. Aus Wut über seinen Misserfolg pflanzt er das Möhrchen in das KMR (Kunststoff-Mantelverbund-Rohr? Nein! Das Königlich-Magische Rübenäckerchen) ein, kopfüber, der grausame, gemeine, launische Riese! Die Leute im naheliegenden Dorf Lomnitz hören nach einiger Zeit nachts einen wehmütigen und sehnsuchtsvollen Gesang. Und jetzt komme ich ins Spiel, der rettende Märchenprinz!‹
›Und wie geht's weiter?‹
›Na ja, du weißt ja, wie … man kommt dahergeritten auf einem edlen Ross, muss verschiedene unmögliche Aufgaben lösen und …‹
›Davon kann ich ein Lied singen!‹
›Bitte nicht! … Nein, jetzt bist du dran: Aus welchem Märchen kommst denn du?‹
›Bei mir geht’s ums Murchen mit ein paar Lurchen.‹
›Murchen? Was ist das denn für ein merkwürdiges Wort?‹
›Das ist falsch geschrieben – richtig wäre Märchen, aber hier geht es ja nicht um singende Lerchen, sondern um quakende Lurche!‹
›So ein Quark!‹‹«, rief da der erste Märchenprinz.
»Der andere war beleidigt, verwandelte sich forsch in einen Frosch und rief zum Abschied:
›Iss du nur deinen Quaak-Stollen, der ist eh zu staak 'quollen*. Und nein, du küsst mich nicht, Quak!‹
›Murchen, murchen, nur nicht heute, sagen alle faulen Leute‹, grummelte der erste Prinz. ›Was du murchen kannst besurchen, das verschieb auf übermurchen, jedoch … Murchenstund hat Guld im Mund‹‹; und sogleich verwandelte er sich zum Schrecken aller anwesenden Kaffeetanten in einen Regenbogen.«

Ich ließ den Murchenerzähler wissen, dass es mir vorkommt, als ob diese Geschichte an den Haaren herbeigezogen wurde. 
»Ein Drache hat keinen Harem!«, antwortete er entrüstet.
Offenbar hörte er schlecht (Tinnitus vom lauten Motorradlärm?) 
Ich verabschiedete ihn jedenfalls so höflich ich konnte. 
Einigermaßen schlecht gelaunt – wie übrigens auch ich – brummte er ab in den sonnigen Murchen, früh um halb surchen – nein, um halb acht nicht sehr sacht, eher mit Macht … keiner lacht? Egal.

*Offenbar war der zweite Märchenprinz ein Franke.