Veranstaltungskritiken
Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

Gymmick und die Erben
Oberweiling – Seit Januar passiert stets dasselbe: das Klassenzimmer der Kneipenbühne ist ausverkauft, ein Höhepunkt folgt auf den nächsten – und alle Höhepunkte sind unvergleichlich lustvoll … Das ist kaum auszuhalten für jemanden, der eine Würdigung schreiben will und dem langsam die passenden Wörter ausgehen: besser als besser geht nämlich nicht. Ein kleines Essay soll dennoch versucht werden.
Am vergangenen Samstag strömte der Geist von Rio Reiser in die Köpfe und Herzen des begeisterten Publikums, das offenbar eine Vielzahl der unvergleichlichen Kompositionen und Texte des früh verstorbenen Politbarden kannte und deshalb oft kräftig mitsang, Songs eines Menschen, der neben den knallharten und dennoch oft witzigen Inhalten vor allem auch sehnsuchtsvolle Liebeslieder schreiben konnte, die sich direkt und unmittelbar ins Gefühl des Zuhörers einbrennen und die auch nach vielen Jahren nichts von ihrer Intensivität verlieren.
Solch ein Erlebnis-Tsunami wurde möglich durch eine Band, die Rio Reisers Lieder (und die Arrangements seines Kompagnons R.P.S. Lanrue) nicht nachspielte, sondern ”lebte”: „Gymmick und die Erben“ erwiesen sich bei ihrem O’wei-Debüt als phänomenal. Der Nürnberger Cartoonist, Liedermacher und Schauspieler Tobias Hacker (Gymmick), der selbst jahrelang als Sänger und Gitarrist mit den Musikern der Band „Ton Steine Scherben“ auf Tour war und dabei die Rolle Rios übernommen hatte, verfügt über eine Stimme, die der von Rio Reiser zum Verwechseln ähnlich ist. Wichtig dabei: Gymmick imitiert nicht. Ein Mystiker würde vielleicht behaupten, Reiser habe ihm seine Röhre aus dem Jenseits geliehen.
Aber was wäre eine authentische Stimme ohne die passende Band?! „Die Erben“, Musiker höchster Güte, unterstützten den Sänger und hoben das musikalische Gesamtbild auf ein Niveau, das die Stimmung im Saal respektive Im Klassenzimmer zum Sieden brachte. "Gymmick und die Erben" präsentierten aber auch Eigenkompositionen, vorwiegend aus ihrem neuen Album. Die Stücke fügen sich nahtlos zwischen Rios Lieder, sowohl stilistisch als auch inhaltlich.
Da ist der Sologitarrist Flo Kenner, mittlerweile Stammgast in der Kneipenbühne. Bei den „Mergers“ und bei „Smokestack Lightnin‘“ erwies er sich im O’wei als absolut stilsicher und mit allen Wassern gewaschen. Schlagzeuger Domi Back brillierte im vergangenen Jahr bei „Muddy What?“. Beide – Flo und Domi – trafen den Ton-Steine-Scherben-Ton exakt! Fürs O’wei-Publikum ganz neu war die Bassistin Marina Porfirio, die traumhaft sicher rhythmische Finessen, komplizierte Breaks und grundgescheite Bassläufe lieferte – ohne Notenblatt, ohne Spickzettel. Notenblätter und Textzettel hatten übrigens auch die drei Männer nicht nötig – und das zeugt immer von immenser Qualität.
Kein Wunder, dass es am Ende des Konzerts Standing Ovations gab.



