Veranstaltungskritiken

Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

2026 13.02.

Karl Inseidler

Wieder einmal war die Haustüre nicht richtig ins Schloss gefallen. Leider. Deshalb saß im Klassenzimmer der Kneipenbühne Oberweiling am unsinnigen Donnerstag-Nachmittag zu Unzeiten einer, der sich als Karl Inseidler vorstellte. Er hatte sich, barfüßig wie er war, unberechtigterweise heimlich ins Klassenzimmer geschlichen, hatte die ›Eine-Lokalrunde-für-mich-Glocke‹ bedient und saß nun am Tresen, um ernsthafte Philosophie zu verbreiten. Zumindest nannte er es so. Inseidler nervte den alaaf-helau-müden Stöhni, einen Münchner Gast Gollys, der sich gerne einen Kaffee gezapft und wahrhaft etwas Besseres zu tun gehabt hätte als höflich den Ausführungen des ungebetenen Gastes zuzuhören. Dessen Geisteshaltung klang eher wie ein ›Gedanke mit Schaumkrone‹.
»Alles im Leben«, so lallte er nach dem dritten Glas Doppeltverbockt [hic!]  und hob bedeutungsvoll seinen Henkel-Willibecher: »Alles ist eine Frage der Elastizität.«
»Aha«, antwortete der unglückliche Stöhni, und polierte mit dem Gläserputztuch zum x-ten Mal aus Langeweile immer dieselbe saubere und trockene Kaffeetasse, »wie meinen Sie das?«
»Nun«, antwortete er, »der Mensch sollte sein wie ein Gummiball. Man wirft ihn senkrecht zu Boden – und er springt senkrecht zurück! Resilienz! Das ist die Essenz: ›Die Essenz ist Resilienz, Resilienz ist die Essenz!‹«, sang er mit drachenartiger Waitsstimme.
Gerade in diesem Moment sprang ein Gummiball auf den Tresen, landete mit einem satten ›Flatsch‹ mitten in Karl Inseidlers Bierglas und bekleckerte bzw. bedoppelbockbierte ihn.
Die kleine ›Franziska Helene Henkel von Kläffersmarck und Pfenning‹, ein typisches Münchner Mischlings-Zamperl, – Stöhnis Hunderl –, hatte mit einem seiner Lieblingsspielzeuge getobt und – man weiß nicht wie es das schaffte … der Flummi landete mitten in K.I.s Getränk.
Inseidler starrte auf das Seidel, auf dessen Grund nun eine feuerrrote Kugel lag – quasi ein philosophischer Gedanke im Lammsbräu-›Urstoff‹. Nach einem Moment peinlicher Stille räusperte sich der Philoseufz. »Sehen Sie! Genau das meine ich! Das Leben springt uns mitten ins Bier!«
»Oder ins Gesicht«, murmelte Stöhni, der einen Hopfentropfen auf der Stirn verspürte.
K.I., schon ein wenig besoffen, versuchte, den Ball aus dem Glas zu fischen. ›Willi der Becher‹ kippte um und ergoss seinen Inhalt auf Inseidlers Hose.
»Und?«, fragte Stöhni trocken, wesentliche trockener als K.I.
Der blickte auf seinen Kleidungs-Schlamassel, dann auf den Gummiball, der unschuldig auf den Boden gesprungen war und umgehend bzw. umspringend von ›Franziska Helene Henkel von Kläffersmarck und Pfenning‹ geschnappt und begeistert beleckt wurde.
K.I. nickte gravitätisch: »Mein Herr – das ist praktische Philosophie … Und was lernen wir daraus? Erstens: Man soll nie predigen, wenn Hunde in Spiellaune sind. Zweitens: Ein Bierglas ist kein geeignetes Experimentierfeld für Resilienz. Sie wissen nicht, was das ist? Resilienz (von lateinisch resilire: zurückspringen, abprallen, nicht anhaften) ist Anpassungsfähigkeit! Und drittens: Ein volles Glas ist keineswegs so wertvoll wie Kants Kategorischer Imperativ.
Stöhni öffnete schweigend eine weitere Flasche Doppelverbockt.
Karl Inseidler jedoch beschloss, seine Philosophie künftig ohne Anschauungsmaterial zu betreiben. Zumindest bis zum kommenden Faschingsdienstag.

(David Ole Cornani – Redakteur der Zeitschrift ›Der stille Beobachter‹)