Veranstaltungskritiken
Würdigung vergangener Veranstaltungen in der Kneipenbühne:

Johann Herbert Vetter
»Verflecht und zugenäht, jetzt habe ich mich total verfranzt!« Mit diesen Worten betrat ein etwas ausgefranst aussehender Mensch zur Unzeit das alte Klassenzimmer der noch älteren Schule, in der vom Hausherr – wie so oft in letzter Zeit – vergessen worden war, den Schließ-Schnapphebel der Eingangstüre zu betätigen. Der abgerissene Kerl stellte sich als Johann Herbert Vetter vor – abgekürzt JHV – und meinte, er sei hier, um sich seine Gage in Höhe von 200 € abzuheulen.
»Abzuheulen? Und überhaupt: Die Jahreshauptversammlung ist ja schon anderthalb Wochen her!«
»Ja, genau«, schniefte er und runzelte die Stirn, die halb mit gräuslich– grausigem Mützen-Flechtwerk (sogenannte Dachpappe als Synonym für verfilzte Haare) überzogen war. Er sei nämlich knapp bei Kassel und überhaupt habe er seinen Job als Messer-Klingenthaler Flechtmeister in der dasigen Sabel- – äh – Sabbel- – äh – Säbelschule wahrnehmen müssen. Deshalb sei er nicht zur rechten Zeit getroffen.
»Getroffen?«
»Eingesoffen – äh – troffen!«
»Und wieso ›Gage‹? Wofür?«
»Für die Gedichte, die ich flocht, bevor ich gegen Reime focht.«
»Ja dann …«
Und so begann er zu erzählen: Der Inhalt seines Kopfes bestehe aus Flechten, graugrünen, orang-roten, manchmal blauschimmernden. Sie kröchen über seine Synapsen, seine Erinnyerungen [sic], über vergessene Namen vergessener Freundinnen. Doch der Käse sei gegessen. Die Flechten würden mehr schlecht als recht von Hirn- und Hundertwasser leben … und von Marx- und Engelsgeduld, meinte er. Vor allem von Gedudel – äh – Geduld. In Klingenthal nämlich herrsche allenthalben Geduld – äh – Gedudel, da brauche man nur zu doogeln – äh – googeln, dann wisse man gleich Bescheid. Aber das nur am Rande. Flechten würden abgesehen davon auch sein Leben bestimmen, nicht nur sein Hirn, sondern auch seine Hautflechten, seine finanziellen Verflechtungen, sein Vermögen, kunstvoll Haare zu flechten, Weidenkörbe, Zusammenhänge. Flächenartig verteilt übers ganze Land würden sie ihn verfolgen, verflöchten Zeit mit Zeit, Worte mit Blicken; er würde so gerne flecht – äh – flöcht – äh – flüchten … aber wohin nur, wohin?
Nervös hielt JVH andauernd zwei lange Nadeln zwischen den Fingern und tat so, als würde er sticken, stricken oder wenigstens häkeln, obwohl er nicht den geringsten roten Faden halten konnte, weder real noch symbolisch.
»Vorsicht«, rief er plötzlich freundlich, »hier wird gerade verfochten.«
Er verföchte nämlich gewisse Theorien, auf Kant genäht oder philosophisch verhegelt.
Unterdessen wuchsen Flechten auch im Kopf des Hausherrn und er musste dem irren Treiben Einhalt gebieten, bevor sich das ganze Schulhaus verkantete oder vernetzte.
»Stopp! Du kriegst einen Zuschlag von 10 Prozent auf deine 200-Euro-Gagenforderung: Ich lege 26 Euro drauf, du kriegst also statt 200 satte 174 Euro (Rechnen war noch nie die Stärke des Hausherrn) und gut ist’s.«
Gerade noch rechtzeitig wurde Johann Herbert Vetter zur Türe hinausgeschoben – und so ein drohender schwer in den Griff zu kriegender Hirnschwurbel gerade noch abgewendet.
Meine Herren!