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2021 21.11.

Peter Gruner (Mitarbeiter der Nürnberger Nachrichten) würdigt "Bluesgeziefer"

Golly, „Bluesgeziefer“

Die Zeilen sind vermutlich so alt wie der Blues selbst und längst zum Klischee geworden: „Heid fräih bin i aafgwachd aganz alaans/ mei Madla is abghaud heid Nachd um halba aans“, singt Golly Hertlein gleich zu Beginn seiner neuen CD „Bluesgeziefer“ und öffnet damit die Tür zu einem Album, das genau das eben nicht ist: Eine Sammlung altbackener Klischees. Wie der Song Fahrt aufnimmt, getragen von Miller the Killers perlendem Bluespiano und dem lockeren Sechs-Achtel-Groove des exzellenten mongolischen Schlagzeugers Naidvartai Zett, wird schnell klar, dass hier einer verstanden hat, wie kreativ man mit musikalischen Traditionen umgehen kann: Indem Golly die lyrischen Stereotypen des frisch verlassenen, total auf den Hund gekommenen Herzschmerz-Opfers augenzwinkernd ins Fränkische überträgt, bringt er uns das ganz alltägliche emotionale Desaster ganz nahe, macht seinen Protagonisten zu einem von uns, ohne ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Dazu bläst Udo Schwendler eine herrlich sentimentale Trompete, während Multiinstrumentalist Golly nicht nur als patenter Sänger, Songschreiber, Bassist und Gitarrist in Erscheinung tritt, sondern als Ein-Mann-Bläsersatz für den eigenwilligen nachtblauen Jazz-Flair der Scheibe sorgt. 

Golly, seines Zeichens nicht nur Musiker, sondern auch Autor, Maler, Produzent und Betreiber der Kneipenbühne Oberweiling, interessiert sich schon von jeher für die etwas anderen Biografien, für die Gebrochenen und Gescheiterten. Nur dass er diese nun nicht mehr, wie auf manchem früheren Konzeptalbum, in Amerika ansiedelt, sondern direkt vor der eigenen Haustür. Da ist zum Beispiel der Trinker, dem seine Freundin das Versprechen abnimmt, seinen Schnaps in den Kanal zu werfen, der dann aber doch lieber einen seiner Schuhe wirft und das Fläschchen unter dem Hemd versteckt. Oder der Typ, der auf der Brücke steht, über sein misslungenes Leben sinniert und Selbstmordgedanken wälzt. Ein Obdachloser schiebt sein überschaubares Hab und Gut mit einem „Einkaufswohng“ durch die Gegend, ein anderer findet sein Glück „Auf der Schdrass wo die sunnä scheind“, wobei Golly seine Version von „The Sunny Side of the street“ im Stile der alten Barbershop-Gesangsgruppen als Ein-Mann-A-Capella-Chor bringt. 

„Bluesgeziefer“ ist eine gelungenes Konzeptalbum, in dem experimenteller Blues, funky New-Orleans-Grooves, DooWop, Jazz, kurze Sprech-Passagen und fränkische Gossenpoesie eine ganz eigene, dunkel schimmernde Atmosphäre schaffen. Dass die Musiker (unter ihnen auch der erst kürzlich verstorbene Gitarrist Peter Schöberl) ihre Beiträge ganz Pandemie-gerecht als Dateien zuschickten, welche der Golly dann im hauseigenen Studio zusammenschraubte, ist in diesem Fall kein Nachteil. Schließlich gab die einsame Studioarbeit Hertlein die Gelegenheit, eine äußerst individuelle Version des Fränkischen Blues zu erschaffen.

Und damit nicht genug: Die Geschichte zum Song „Brandnarb“, eine gespenstische Nummer über das Opfer eines Brandanschlags, das ziellos und ohne Gedächtnis durch die Gegend irrt, erzählt Golly aus verschiedenen Perspektiven in einer zeitgleich mit der CD erschienen, gleichnamigen Novelle. In dieser erlangt der Leser auf 88 Seiten anhand verschiedener, sich nach und nach verknüpfender Handlungsstränge erst allmählich Klarheit über die Hintergründe der Tragödie.  

PETER GRUNER

I: Die CD Golly, „Bluesgeziefer“, ist zu beziehen über media-arte.de, im regionalen Fachhandel oder direkt in der Kneipenbühne Oberweiling, Pfarrweg 6, 92335 Velburg und als mp3-download bei amazon, sie ist kostenlos (aber mit Werbung) auch anzuhören auf YouTube.

Die Novelle „Brandnarb“ gibt es beim einschlägigen Internet-Grossisten (amazon) oder auch direkt beim Erzeuger.